Wien Meidling -Villach HBF, II
Wir haben beide aufgesehen, als sich zu den zwei unseren Handpaaren noch ein drittes gesellen wollte. Er war jung, hatte irgendwie ein älteres Gesicht, sprach sehr leise. Er erinnerte mich schon im ersten gehörten Wort an die Person, die vor wenigen Stunden ich verabschiedet hatte. Ein scheuer Blick, nur gestreift, wie immer, der so schwache Händedruck, als würd' er sich ekeln, das kaum hörbare Verabschiedenswort selbst.
Auch dieser Charakter schwebte irgendwie (scheint, als ob ich auch) in Unsicherheit - weit setzte er sich weg, behielt uns aber im Auge, lachte oft mit im Augenwinkel.
Erstbegleiter fragte ihn nach seinem Weg und begann ihn einzubinden; langsam taute er auf und als es aber schon gen Leoben ging. Erstbegleiter wusste, er müsse hier umsteigen und Zweitbegleiter war auf dem gleichen Zielweg. So verließen mich also beide zur selben Zeit. Erstbegleiter schenkte mir ein herzliches Verabschieden, wir wussten, dass wir nach der Trennung noch selten einen Gedanken an den anderen verschwenden würden. Zweitbegleiter verließ meine Abteilwelt ohne sich umzudrehen.
In Leoben bin ich alleine. Doch am Bahnsteig vor dem Fenster warten genug der Nachfolger. Jetzt frag' ich mich, warum gerade er sich zu mir gesetzt hatte?
Er hatte einen gierigen Blick. Vielleicht war ich aber auch einfach nur müde und bildete mir ein dies in ihm zu lesen - aber ich war dennoch froh, als er in Knittelfeld - eine Station, die Ewigkeit schien - dem Zug wieder entstieg -. Freundlich habe ich ihn begrüßt und sein Rücklächeln war schmierig. Schnell fragte er, was ich mit dem Handy täte, was ich läse, woher ich käme, wohin ich führe, wer ich wäre (geniale Frage!). Ich beantworte alle Fragen, die Antworten wurden immer kürzer und dann versuche ich ihn zu ignorieren, will mich in andere Dinge flüchten. Locker ließ er nicht und ohne Grund wende ich mich ihm zu. Drei Jahre lebte er schon in Österreich - Linz -, gekommen aus dem Kosovo, seine Familie hinten gelassen. Gut sprach er das Deutsche, er kannte sich wohl aus, war aber dennoch in den falschen Zug gestiegen - nein, er führe nicht nach Salzburg, o traurig Zufall!-.
Ja, ich wäre bei meinem Freund gewesen - jetzt: was ging es ihn an?-, und ich wäre sehr verliebt, würde ihn vermissen.
Das Intervall ausgelöscht. Mit dem Verabschieden weitergeführt.
Meine Nummer sollte ich ihm geben - er würde mich anrufen, ich müsste nicht mehr nach Wien fahren, er würde mich besuchen kommen.
Was bin ich froh und erleichtert, als ich Knittelfelds Lichter fenstern seh... er musste aussteigen. Zum Spaße geb ich ihm eine Nummer -nicht die meine-, die meiner Mutter, kann ich sie doch auswendig und habe die Idee, meinen Vater abheben zu lassen, um dem Fleischling eine Lektion zu erteilen.
Zum Abschied reichten wir uns die Hände und erleichtert ausatmen kann ich erst, als die Abteilstür wieder geschlossen. Ich drossle das Licht, will keinen Menschen mehr sehen, bin enttäuscht des Menschentums.
Kann man so falsch, anders verstehen? Charly, der die Seele anregte, Mirko, dessen Seele ich nie finden hätte können, nur *ihn* anregte. Eine Hülse, wenn nicht aus der Tiefe gesteuert. Ich hasse ihn.
Er, -sie-, Symbol für die Illusionsberaubung, Menschen könnten kennen lernen wollen. Menschen, er, -sie-, kennen bereits.
Und ich sitze im Dunkeln.


